Interview mit unserem Friedensrichter Robert Schönbächler im Lokalinfo

«Friedensrichter zu sein, ist ein Privileg»

Quelle: lokalinfo.ch

von Pia Meier

Robert Schönbächler, Friedensrichter Kreise 6 und 10, tritt altershalber zurück. Wann genau, hängt von seiner Nachfolgerin ab, die am 26. November gewählt wird.
Robert Schönbächler ist auch über Mittag in seinem Büro am Wipkingerplatz erreichbar. Eigentlich ist er über 65 Jahre alt und hat somit das Pensionsalter erreicht. Doch als gewähltes Behördenmitglied könnte er bis zum Ende seiner Amtszeit 2021 bleiben. «Wie lange ich noch als
Friedensrichter arbeite, hängt davon ab, wann meine Nachfolgerin das Amt übernehmen kann», erläutert er. Er rechnet mit Januar 2018. Schönbächler hatte schon viele Ämter. Er war unter anderem Gemeinderat CVP und Gemeinderatspräsident sowie einige Jahre Präsident
der Friedensrichter des Bezirks Zürich.
Robert Schönbächler, Sie waren früher bei den SBB tätig. Wie sind Sie Friedensrichter geworden?
Der frühere Friedensrichter und Gemeinderat Xaver Bühler aus dem Kreis 2 machte mich darauf aufmerksam, dass ein neuer Friedensrichter gesucht wird und ich die Voraussetzungen dazu mitbringen würde. Er lieh mir über die Sommerferien das Handbuch des Obergerichts für die
Friedensrichterinnen und Friedensrichter des Kantons Zürich, welches Wegweiser und Ratgeber ist. Die Lektüre weckte sofort mein Interesse.
Wann war das?
1994. Nach zwei Wahlgängen – im ersten mit 4 Kandidaten und im 2.Wahlgang zu zweit – wurde ich am 12. Juni 1994 gewählt. Die Amtsübergabe erfolgte im Herbst desselben Jahres. Ursprünglich wurde ich für die Kreise 5 und 10 gewählt.
Machten Sie Ihre Arbeit immer gern?
Ja, ich habe immer Freude an meiner Arbeit gehabt. Es ist ein Glück für mich, dass ich noch immer gern jeden Tag zur Arbeit gehe. Die Rechtsuchenden merken schnell, ob jemand die Arbeit mit Freude ausführt. Ich erhalte deshalb immer wieder viele Komplimente. Ich betrachte das
Friedensrichteramt als Privileg, ist es doch eine der schönsten Aufgaben in der Rechtspflege. Ich habe mich immer zu 100 Prozent mit meiner Arbeit und meinem Beruf identifiziert und konnte vielleicht deshalb die notwendige Energie dafür aufbringen.
Die Aufgaben des Friedensrichters haben sich in der Zwischenzeit verändert. Positiv oder negativ?
Positiv! Es ist alles richtig gelaufen. Die per 1. 1. 2011 in Kraft getretene Schweizerische Zivilprozessordnung hat sich wie kaum je zuvor auf die Aufgaben der Friedensrichterämter ausgewirkt. Der Wegfall der Scheidungs- und Trennungsverfahren, der Vaterschaftsklagen und der Ehrver-
letzungsklagen wurde durch die neue Zuständigkeit bei arbeitsrechtlichen Streitigkeiten wettgemacht. Allgemein hat man mehr Kompetenzen. Es ist aber auch deutlich anspruchsvoller und komplexer geworden.
Was braucht es, um ein guter Friedensrichter zu sein?
Man muss Moderator, Animator, Mediator und Kommunikator sein. Einfach gut zuhören, genügt nicht. Zudem muss ein Friedensrichter volksnah sein. Auch braucht es eine rasche Auffassungsgabe. Und dann muss man den Fall verbal und redaktionell zum Abschluss bringen kön-
nen. Ich sehe mich als Dienstleister, welcher einen ungehinderten und einfachen Zugang zur Rechtspflege sicherstellt.
Sehen Sie es als Niederlage, wenn die Parteien nachher vor Gericht gehen?
Nein, keineswegs. Die Hauptaufgabe der Schlichtungsbehörde ist die Aussöhnung der Parteien. Gelingt dies nicht, ist es manchmal besser die Sache dem ordentlichen Gericht zu unterbreiten.
Haben Sie irgendwelche Unterstützung durch ein Team?
Ja. Im Friedensrichteramt im administrativen Bereich durch das Kanzleisekretariat. Als Friedensrichter selbst ist man in den Schlichtungsverhandlungen aber auf sich allein gestellt und ein Einzelkämpfer.
Haben Sie eine soziale Ader, wenn David gegen Goliath antritt?
Ich bin oft der erste Unbeteiligte in einem Streit und versuche, die Sache objektiv anzuschauen. Grundsätzlich ist an dem, was die Streitparteien vortragen, immer etwas dran. Es beeindruckt mich wenig, wenn mir eine prominente Person gegenübersitzt; ich versuche, alle gleich zu behandeln und allen gleich gerecht zu werden.
Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?
Seit 2011 (ohne Scheidungsklagen etc.) liegt sie zwischen 77 Prozent und 83 Prozent; während meiner gesamten Amtszeit und bei über 17 000 Fällen lag sie insgesamt im Durchschnitt bei 60 Prozent.
Sie sind nicht Jurist. Ist es heute von Vorteil, Jurist zu sein?
Es ist keine Voraussetzung. Mit Sicherheit ist es einfacher und ein grosser Vorteil, wenn man über eine juristische Ausbildung verfügt. Die Verfahren sind aufwendiger und komplexer geworden.
Braucht ein Friedensrichter ein Psychologie-Studium?
(lacht) Nein. Man eignet sich während der Zeit eine gewisse Menschenkenntnis an. So merkt man zum Beispiel, ob jemand die Sache bewusst unrichtig darstellt oder lügt. Vermutlich wird nicht in Wahlkampagnen am meisten gelogen, sondern vor Gericht! Andererseits hat man
mir aber auch sehr viel anvertraut. Wissen und handeln und nicht wissen und schweigen ist Pflicht!
Hat sich das Verhalten der Leute gegenüber dem Friedensrichter in den letzten Jahren geändert?
Ja. Die Leute wissen heute dank Internet gegenüber früher bestens Bescheid über die Gegenpartei und über den Friedensrichter. Ich beobachte jedoch oft, dass die Parteien nur noch auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. So kommt man heute rein mit Natel oder Laptop und steckt das Gerät einfach ein, ohne zu fragen. Dabei ist dies gar nicht erlaubt, denn man darf nichts aufzeichnen.
Heute kann man auch mit dem Anwalt erscheinen?
Ja. Ungefähr in einem Drittel der Fälle werden die Parteien durch ihren Rechtsbeistand begleitet oder vertreten. Das macht die Arbeit anspruchsvoller und interessanter. Und der gute Anwalt hilft mit, Prozesse zu vermeiden!
Braucht es den Friedensrichter?
Ja, wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.
Was machen Sie nach der Pensionierung?
Ich habe keine fixen Pläne. Es wird mir aber sicher nicht langweilig. Ich werde mich jedoch nicht mehr in einem Verein engagieren. Ich fotografiere, fahre Ski, wandere und schreibe gern. Zudem habe ich viele Kollegen. Allgemein weniger fremdbestimmt sein und Freude an der wie-
dergewonnenen Freiheit, am Leben.
Sie haben Neujahrsblätter herausgegeben. Planen Sie weitere Neujahrsblätter?
Nicht auszuschliessen. Ich habe auch schon daran gedacht, ein Buch zu schreiben, beispielsweise über den Kreis oder über meine Erfahrungen als Friedensrichter …
Und die Stadt Zürich? Interessiert Sie die Stadt noch?
Ja, sehr. Es passiert viel. Aber wenn man nicht mehr politisch vorn tätig ist, ist es schwieriger, etwas zu bewegen.